Dienstag, 18. Dezember 2012

Nintendo Wii U

Hübsch ist sie nicht. Die Wii U, Nintendos neueste Konsole, sieht aus wie eine zu groß geratene Festplatte in Hochglanzplastik. Der Controller ist eine Art dickes Tablet, wie eine Kinderspielzeugversion eines iPad. Die Grafik ist wie immer quietschbunt, die Soundkulisse changiert zwischen Wellness-Spa und Fahrstuhlmusik: gewöhnungsbedürftig und sehr japanisch. Und doch ist Nintendo seiner Konkurrenz einmal mehr ein Stück voraus - wenn auch diesmal nur ein kleines Stück.





Macht das Spielen Spaß?
Das "Super Mario"-Spiel zum Wii-U-Start ist eine kompetent gemachte, konsequente Fortsetzung der Serie, die sich immer wieder auf ihre Wurzeln in den Achtzigern besinnt: Das Spiel scrollt in 2D von rechts nach links über den Bildschirm, die spezifischen Funktionen des Tablet-Controllers braucht man nur im Mehrspielermodus. Dabei kann ein Spieler, der mit dem Tablet steuert, Plattformen auf dem Bildschirm platzieren. Die übrigen Spieler brauchen alte Wii-Controller oder sogenannte Classic Controller, die Nintendo jetzt anbietet. Damit steuern sie wie gehabt ihre Figuren durch die 2-D-Welt, was nicht ohne Kollisionen, Geschrei und Gelächter abgeht. Für Spaß in der Gruppe ist die Wii U das ideale Gerät, da bleibt Nintendo sich treu. Und zur Wahrung des Familienfriedens: Wird das TV-Gerät ausgeschaltet, laufen Spiele wie "Super Mario Wii" auf dem Tablet weiter. Während Papa die "Tagesschau" sieht, kann das Töchterchen mit einem Kopfhörer ungestört weiterspielen, ohne dass es Streit gibt.

Was bringt der Touchscreen-Controller?
"ZombiU" ist einer der Titel, die zeigen könnten, was die Konsole tatsächlich von ihren Konkurrenten unterscheidet. Das Survival-Horror-Spiel mit dem üblichen Plot - Zombies! Lauf! Schieß! Versteck dich! - verkehrt den augenscheinlichen Nachteil des zweiten Bildschirms in ein zentrales Spielelement: Wenn der Spieler ein Schloss knacken oder in seinem Rucksack nach etwas suchen muss, ist er gezwungen, den Blick vom TV-Gerät abzuwenden, pausieren kann man das Spiel dabei nicht. "Dann kann man ihn besser erschrecken", sagt Guillaume Brunier von Ubisoft, Produzent von "ZombiU.
Der Tablet-Controller hat zwei Analogsticks gemäß dem Standard, den Sony mit dem Dual-Analog-Controller für die Playstation etabliert hat. Allerdings sind die vier Knöpfe, die man mit dem rechten Daumen bedient, hier unterhalb statt schräg oberhalb des rechten Analogsticks angebracht. Das kann Daumen und Handballen bei knöpfchenintensiven Spielen wie "Assassin's Creed III" auf Dauer ermüden. Wer das vermeiden will, muss weiteres Zubehör kaufen.
Zudem zeigt der Controller oft das Bild, das auch der große Bildschirm gerade anzeigt - was bei einem Actionspiel ablenkend und lästig ist, und zudem den Akku des Gamepads leersaugt. Dieser Akku ist das derzeit größte Problem der Wii U: Im Test verabschiedete er sich nach etwa vier Stunden, das Gamepad muss dann auf die Ladestation gestellt oder am Stromkabel hängend weitergenutzt werden. Bei einem Spieleabend mit Freunden, bei dem der Controller dazwischen auch mal ungenutzt, aber eingeschaltet herumliegt, könnte das für Verdruss sorgen.

Was kann die Konsole grafisch?
Die Wii U liefert Bilder in HD aus (1080p), auch Spiele von Drittherstellern wie "Assassin's Creed III" oder "Batman: Arkham City" sehen darauf gut aus. So gut wie auf den Geräten der Konkurrenz, die gerade dem Ende ihres Lebenszyklus entgegengehen. Er sehe keinen Grund, dass Grafik und künstliche Intelligenz der Spiele auf einer Wii U dem nachstehen sollten, was Xbox und Playstation bieten, sagt Guillaume Brunier von Ubisoft. Die Konsole werde von den Spielen der ersten Generation ohnehin noch nicht völlig ausgereizt, "wir entdecken die Hardware ja gerade erst".

Für wen lohnt der Kauf?
Das wichtigste Verkaufsargument für die Wii U ist neben den Spielen ihr Vorgänger. Auf der Wii U laufen alle Spiele, die man sich für die Wii gekauft hat - auch wenn sie auf aktuellen Fernsehern etwas arg pixelig aussehen. Und auch das ganze Zubehör - Wiimote-Controller, Nunchuck-Erweiterungen, Balance Board etc. -, das Nintendo im Verlauf der vergangenen sechs Jahre unters Volk gebracht hat, funktioniert mit der Wii U weiterhin.
Für die Wii-Zielgruppen, Familien, Casual Gamer, Nintendo-Fans, ist diese Abwärtskompatibilität wichtig, und sei es nur um des Gefühls willen, nicht sein Geld zum Fenster hinausgeworfen zu haben. Zudem ist ein durchschnittlicher Wii-Besitzer nach dem Kauf einer Wii U für 300 (mit 8 GB Speicher) oder 350 Euro (mit 32 GB) sofort hervorragend ausgerüstet, hat das nötige Zubehör für Mehrspieler-Partien mit dem neuen Gerät bereits im Haus. Die alte Konsole kann verschwinden, denn in einer Wii U ist eine komplette Wii gewissermaßen eingebaut, Speicherdaten und anderes lassen sich per SD-Karte von der alten auf die neue Konsole übertragen.
Die acht GB Speicher der kleineren Version sind nicht viel, und das erste Update, dass man gleich zu Anfang herunterladen muss, belegt davon schon fünf. Der Speicher lässt sich aber über USB-Festplatten erweitern.

Multimedia, Soziales - was kann die Konsole noch?
Die Wii U soll mehr können als Spiele, etwa Filme und Videoclips abspielen, und auch daran wird Nintendo verdienen. 90 Plätze für Apps und Ähnliches finden sich auf den Bildschirmseiten des Tablets. Nintendo hat von Apple gelernt, der digitale Software-Vertrieb soll offenkundig weiter ausgebaut werden.
Die YouTube-Anwendung, die auf der Konsole läuft, funktioniert schon ganz ordentlich. Im Konsolenforum beschweren sich Anwender allerdings darüber, dass die Videos nur auf dem TV-Gerät laufen, nicht auf dem Tablet. Wenn man YouTube über den Konsolen-Browser nutzt, funktioniert das. Die Lovefilm-Anwendung dagegen, die Filme auf den Fernseher streamen soll, ist am Freitag der deutschen Markteinführung noch funktionslos, ebenso wie der Nintendo-eigene Dienst WiiTV. Auf Xbox 360 und Playstation 3 kann man Lovefilm schon heute nutzen.
Neben dem Unterhaltungskonsum soll die Konsole auch noch stärker als ihre Vorgängerin Vernetzung ermöglichen: Das Miiverse genannte Konsolennetz soll eine kinderfreundliche Gesprächsplattform rund um Spiele sein, die Mitglieder werden von den Nintendo-typischen Avataren namens Miis vertreten. Es gibt Diskussionrunden, man kann Nachrichten und kleine Zeichnungen verschicken - und muss dabei den Werbebotschaften ausweichen, die Nintendo über diesen Kanal ständig verschickt.
Das Tablet hat eine zum Nutzer zeigende Kamera eingebaut, so dass man es auch für Videotelefonate à la Skype verwenden kann. Revolutionär ist all das nicht, Konsolennetzwerke sind heute Standard, und Facebook und Co. wird das Miiverse als zentrale Plattform kaum ersetzen. Skypen am TV-Gerät oder Tablet ist auch ohne Wii U längst möglich - und für den Wii-Chat braucht man einen Wii-U-Besitzer als Partner.

Fazit
Die Wii U bietet zum Start eine immerhin ordentliche, auch für Hardcore-Gamer durchaus attraktive Auswahl von Spielen. Die Steuerung funktioniert hervorragend, und wem das Gamepad für klassische Spiele zu sperrig ist, der kann auf einen Classic Controller wechseln. Ihre sozialen Funktionen sind so kontrollierbar, dass Eltern ihre Kinder beruhigt vor die Konsole lassen werden. Mit der Abwärtskompatibilität für Software und Zubehör appelliert der Konzern schlau an die Sparsamkeit seiner Kunden.
Wenn nur jeder zweite der fast hundert Millionen Wii-Besitzer eine neue Konsole kaufte, würde allein das weit mehr als fünfzehn Milliarden Euro Umsatz generieren. Sobald Nintendo pro verkaufter Konsole ein einziges Spiel verkauft, sei der Konzern in der Gewinnzone, erklärte der Amerika-Chef des Konzerns, Reggie Fils-Aime, kürzlich. Und bei einem Spiel bleibt es bei den allermeisten Konsolenkäufern selbstverständlich nicht.

Die Möglichkeiten, die die Kombination von Tablet und TV bietet, sind noch längst nicht ausgereizt. Wii-U-Entwickler werden hier Standards setzen, von denen andere bald profitieren werden. Schicker werden die Tablet-TV-Kombination sehr bald andere machen oder tun das bereits, etwa Microsoft mit der Xbox 360 und seinen "Smart Glass"-Apps für Tablets.
Andererseits wird die Konsole all diese Möglichkeiten für 300 bis 350 Euro auch in viele jener Wohnzimmer bringen, in denen Tablets bislang keine Rolle spielten.
Kurz gesagt: Nintendos Konsole ist der Außen-Plastik-innen-bunt-Einstieg, die Fisher-Price-Variante der neuen digitalen Medienwelt, in der wir in einigen Jahren alle leben werden. Und damit ist der Konzern dann eben doch wieder Avantgarde.